Interview mit Sternenkindfotografin Anja

Interview mit Anja Corinna Lohr – Sternenkindfotografin  
Interviewerin: Sabine Riemer 

Sabine Riemer: Frau Lohr, Sie sind Sternenkindfotografin. Nicht alle Menschen können etwas mit dem Begriff “Sternenkindfotografie“ anfangen. Können Sie uns die Bezeichnung erklären?

Anja Corinna Lohr: Sternenkindfotografinnen und -fotografen werden dann gerufen, wenn Kinder nicht lebend zur Welt kommen oder kurz nach der Geburt sterben – sogenannte Sternenkinder. Das kann ab der 14. Schwangerschaftswoche bis zur 40. Woche passieren.  

Ich habe mich der 2016 gegründeten Stiftung https://dein-sternenkind.eu angeschlossen, bei der sich Krankenhauspersonal, Angehörigen oder auch die Eltern selbst melden können, um eine Sternenkindfotografin oder -fotografen anzufordern. Wenn solch eine Meldung über die Plattform eingegangen ist, erhalten die Fotografinnen und Fotografen einen Alarm auf ihrem Handy mit der Bitte mitzuteilen, welche Zeitfenster sie zur Verfügung stellen können. Wenn zum Beispiel eine stille Geburt eingeleitet wird, kann es Stunden oder auch Tage dauern bis das Kind zur Welt kommt. Da ist es wichtig zu wissen, wer Zeit hat den Call zu übernehmen. 

Sabine Riemer: Was passiert dann im Krankenhaus? 

Anja Corinna Lohr: Ich stelle mich den Eltern vor, erkläre die Abläufe, nehme so den Kontakt auf und versuche die Atmosphäre der Eltern aufzunehmen. Es ist mir immer bewusst, dass die Eltern sich in der schlimmsten Situation ihres Lebens befinden. Ich versuche ihnen eine gewisse Unterstützung zu geben, damit sie begreifen was passiert und helfe ihnen durch die Bilder ihre Erinnerungen an ihr Kind zu bewahren.  

Ich beginne mit Detailaufnahmen z. B. von Händen, Füßen und dem Kopf. Manchmal finde ich auch spezielle Merkmale wie z. B. lange Fingerchen, bei denen ich denke, dass sich hier die Gene eines Elternteils durchgesetzt haben. 

Nach dem Detailaufnahmen ziehen wir das Kind gemeinsam an oder legen es in ein Einschlagdeckchen oder Schiffchen und bereiten es so auf seine letzte Reise vor. Manchmal übernimmt das Anziehen auch eine Hebamme mit den Eltern gemeinsam oder die Eltern haben es selbst getan. 

Es folgen dann Aufnahmen vom Kind mit den Eltern, wenn Geschwister oder Großeltern dabei sind, integriere ich diese selbst verständlich in die Bilder. Wenn ich diese Aufnahmen mache, ist es mir wichtig, dezent im Hintergrund zu agieren und verhalte mich ruhig und entspannt. Ich nehme nicht den Tod auf, sondern immer sehnlich erwartetes Leben. Diese Haltung drückt sich auch in den Bildern aus. 

Die Termine können zwischen 10 Minuten und auch 2 Stunden dauern. Es können 10 Fotos entstehen, manchmal auch 100. Es kommt immer auf die Situation und den Moment an. 

© Fotos Anja Corinna Lohr
© Fotos Anja Corinna Lohr

Sabine Riemer: Was passiert danach? 

Anja Corinna Lohr: Ich sichte die Bilder, bearbeite sie und speichere sie auf einem USB-Stick. Diesen verpacke in einer selbst entworfenen Schachtel mit noch einigen kleinen Geschenken wie einen Holzengel und sende das Päckchen an die Eltern. 

Sabine Riemer: Entstehen den Eltern Kosten? 

Anja Corinna Lohr: Nein. Den Eltern entstehen keine Kosten. 

Sabine Riemer: Es fallen Kosten für Sie an wie Material, Fahrtkosten usw. Wer übernimmt diese Kosten? 

Anja Corinna Lohr: Sternenkindfotografie ist ein Ehrenamt, d. h. zunächst einmal komme ich selbst für die Kosten auf. Manchmal erhalte ich auch Spenden von Eltern in Dankeskarten. Über unsere Organisation bekommen wir, wenn es die Spendensituation zulassen, USB-Sticks oder auch einmal eine Tankkarte. 

Sabine Riemer: Welche Rückmeldungen erhalten Sie von den Eltern?

Anja Corinna Lohr: Nicht immer erhalte ich eine Rückmeldung, dies erwarte ich auch nicht. Wenn ich jedoch Rückmeldungen von den Eltern erhalte, sind diese durchweg positiv. Sie haben durch die Aufnahmen eine bildliche Erinnerung an ihr Kind. Auch helfen die Fotos, die Trauer mit anderen zu teilen. 

Vor einiger Zeit habe ich erlebt, dass der Zwillingsbruder eines Sternenkindpapas einen Spendenlauf über seinen Fußballverein organisierte. Die Fußballer suchten sich Paten, die für jeden gelaufenen Kilometer einen Geldbetrag spendeten. Ich wurde zu einer feierlichen Übergabe eingeladen und war sehr gerührt als ich einen Scheck über 4.000 Euro überreicht bekam. Damit hatte ich ganz bestimmt nicht gerechnet. Eine wunderbare Rückmeldung für mich als Sternenkindfotografin und für die Stiftung. Die Spende ging an unsere Stiftung, weil hier viel Geld z. B. für die Infrastruktur und Wartung der Technik benötigt wird. 

Sabine Riemer: Mit Ihrem Engagement tragen Sie eine große Verantwortung, denn Sie machen das erste und das letzte Foto eines Babys. Wie gehen Sie mit dieser Verantwortung um? 

Anja Corinna Lohr: Es ist mir absolut bewusst, welche Verantwortung ich habe und gehe damit umsichtig um. In erster Linie habe ich immer Ersatz Akkus dabei. Ich richte meine Tasche und säubere das Equipment umgehend nach einem Einsatz. 

Sabine Riemer: Wie lange sind Sie schon Sternenkindfotografin und wie schaffen Sie es nach einem solchen Termin wieder in Ihrer Welt anzukommen? 

Anja Corinna Lohr: Ich bin seit ca. drei Jahren Sternenkindfotografin. Eltern in diesen schweren Stunden ein Stück weit zu begleiten und Unterstützung zu geben, ist für mich eine wichtige Arbeit in der Trauerbewältigung. Ich habe eine Ausbildung in der Kinder- und Jugendhospizarbeit. Dort habe ich gelernt wie es wichtig ist, auch für sich selbst zu sorgen. Ich gehe nach jedem Einsatz bewusst aus dem Alltag raus, wenn es die Zeit zulässt, sammle mich und meine Gedanken, gehe in die Natur und fotografiere etwas fröhliches, sozusagen als meine persönliche „Festplattenreinigung“. 

Sabine Riemer: Danke, Frau Lohr, dass Sie sich für das Interview Zeit genommen haben. 

im Juli 2021 

© Fotos Anja Corinna Lohr 

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